17.09.2017

Mother! – Und wenn es nicht nur um Gott & die Welt geht?

Eine aktuell mögliche Auswahl im Kinoprogrammheftchen: Mother!
Ein Film, über den sich Kritiker und Zuschauer herzhaft in den Haaren liegen. Ich habe vor und nach dem Kinobesuch Unmengen an Text und Bewegtbildmaterial über Darren Aronofskys Werk konsumiert, um nun in einem eigenen Aufsatz Stellung zu beziehen.
Dies hier ist im Gegensatz zum übrigen Content des Blogs keine Filmkritik, sondern eine Interpretation. Somit ist es unumgänglich, im Folgenden wild herumzuspoilern. Eine gut gemeinte Empfehlung an alle, die sich von Mother noch nicht haben überwältigen lassen: Lest euch die folgenden Zeilen bitte erst nach dem Kinobesuch durch.


Streift man anhand des Suchbegriffs „Mother“ durch’s Internet, so wird man glatt erschlagen von Autoren, die ihre (natürlich unvoreingenommen eigene…) Interpretation kundgeben, Mother! sei eine Verfilmung der Adam und Eva-Geschichte sowie – im zweiten Filmteil – des neuen Testaments. Ich fasse diese tatsächlich sinnvolle und nachvollziehbare These nun im nächsten Abschnitt zusammen. Bei Bedarf lässt selbige sich nochmal genauer bei MoviePilot und Konsorten nachlesen.

Selbst Jennifer Lawrence bestätigte in einem Interview mit dem Express, Mother! handele von Gott und der Welt, also Schöpfung und Zerstörung. Tatsächlich deutet einiges darauf hin. 
Jennifer Lawrence bzw. ihre namentlich nicht näher bezeichnete Figur "Mutter" wohnt gemeinsam mit ihrem Mann in einem wunderschönen Haus, mitten im Nichts. Berührt die junge Frau die Hauswände, so spürt sie im Inneren der Gemäuer ein Herz schlagen. Das kreisrunde Gebäude (Hinweis: Auch die Erde ist keine Scheibe) gehört jedoch ihrem ebenfalls nicht näher betiteltem Mann. Er ist Schriftsteller in Schaffenskrise – quasi ein Schöpfer.
Lawrence gesamtes Leben dreht sich um zwei Dinge: Die Renovierung des Hauses und die Liebe zu ihrem Mann. Sie scheint gemeinsam mit dem Gemäuer, das sie im Film kein einziges Mal verlässt, die Mutter Erde zu sein. Ihr Mann – der Schriftsteller – ist der Herr und Schöpfer höchstpersönlich.
All die Harmonie löst sich prompt in Luft auf, als ein Mann im Haus erscheint. Da der Film weder über Vor- noch Nachname ein Wort verliert, nennen wir ihn doch einfach Adam (*zwinker). 
Kurze Zeit später erscheint in Form von Michelle Pfeiffer seine Eva, die es sich rasch sehr bequem macht, zum Unmut von Lawrence Figur. Ihrem Mann, dem Schöpfer, scheint der Einzug der Menschen in das „Paradies“ (Zitat von Lawrence Figur) jedoch wenig auszumachen – zumindest bis diese sinnbildlich in den Apfel beißen und seinen wertvollsten Schatz zerstören, einen Kristall, den der Schriftsteller bis dahin verehrte.
Die Situation spitzt sich zu, als zwei Söhne der Besucher erscheinen und der eine den anderen erschlägt. Parallelen zu Kain und Abel sind nicht von der Hand zu weisen. Nach einer eskalierenden Trauerfeier in Lawrence Haus, schmeißt ihr Mann die Besucher endlich heraus.
Die Lage entspannt sich, Lawrence sowie das Haus erscheinen befreit vom Trubel und Ängsten. Schon bald erwartet das Ehepaar ein Kind, ein plötzlicher Zeitsprung im Film visualisiert den Sprung vom alten in das neue Testament. Lawrence gebärt nun das Kind Gottes und plötzlich erscheinen neue Jünger des Schriftstellers, die ihn aufgrund seines neusten Werks vergöttern. Innerhalb von 10-15 Minuten driftet die Filmhandlung in solch absurde Übertreibungen ab, dass man die Szenen wenn überhaupt nur noch mit den wildesten Folgen der Serie Hannibal vergleichen könnte. Das Haus ist voll von Verehrern des Schöpfers; Menschen werden erschossen; das Militär trifft ein; Distrikte streng gläubiger und bitter armer Verletzten entstehen im Wohnzimmer.
Mit dem Obergeschoss des Hauses (dem Himmel) erreichen Lawrence und ihr Mann jedoch die Sicherheit. Hier wird schließlich das Kind Gottes geboren. Der Schriftsteller will dieses seinen Jüngern präsentieren, die es zunächst auf Händen tragen, dann jedoch umbringen und als Leib Christi verzehren. (Ich bin gespannt, ob die katholische Kirche öffentlich auf diese Szenen reagiert.) Lawrence sieht keine andere Möglichkeit, als im Keller (der Hölle) ein Feuer zu entzünden, welches das gesamte Haus erfasst und zerstört.
Zum Schluss erkundigt sich der Schriftsteller (trotz der Explosion in bester Form) bei seiner Gattin, ob diese ihn denn noch liebe. Nachdem Lawrence zustimmt, entwendet er ihrem verbrannten Körper das verkohlte Herz und zieht aus ihm einen neuen Kristall. Der Film schließt mit einer Szene, in der eine neue Frau, genauso wie Lawrence zu Beginn, im Bett des göttlichen Schriftstellers erwacht. Das Haus erscheint frisch renoviert. Ein neues Paradies ist geschaffen.

Dies zur Handlung und verbreitetsten Interpretation Mother!s, doch was, wenn es im Eigentlich um noch mehr als Gott und die Welt geht, beziehungsweise eigentlich um viel weniger.
Zweifelsohne ist die Mutter die Protagonistin des Werks und eine Sache, an der die Gott/Welt-Theorie scheitert, ist die Erklährung zu den Medikamenten, die die Frau wiederholt zu sich nimmt, wenn ihre Angstzustände Maxima erreichen. Diese Szenen erscheinen nicht nebenbei, sondern im Gegenteil sogar sehr bedeutungsschwanger. Lawrence entsorgt ihre Medizin, nachdem sie merkt, dass sie ein Kind erwartet.
Autor und Regisseur Aronofsky ist bekannt dafür, dass er sich brillant darauf versteht, die psychische Erkrankung seiner Figuren visuell und handlungstechnisch in das Filmische zu übersetzen. Was wäre nun, wenn reduziert auf’s Grundsätzliche nicht die kirchlichen Testamente im Fokus stehen, sondern die zerstörte Psyche einer Frau, die ihren Ehemann vergöttert, von extremen Verlustängsten verfolgt ist und geplagt von Angstzuständen.
Diese Frau liebt ihren Ehemann über alles. Er allein und das Haus, das sie bewohnen, stellen für sie alles, ihr Leben, die Welt und ihre Liebe dar. So spürt die Frau ihr Herz in dem Haus schlagen, dessen Renovierung für sie zum Alltag geworden ist.
So sehr sie ihren Gott/ den Schriftsteller verehrt, so sehr fürchtet sie sich davor, seine Aufmerksamkeit teilen zu müssen – es könnte schließlich der Anfang etwas viel Schlimmeren sein: Dem Verlust ihres Lebensinhaltes.
Als die freche Besucherin Pfeiffer sie dann darauf hinweist, der Schriftsteller könnte sie vielleicht gar nicht so lieben, wie Lawrence ihn, da verkümmert das Herz der Frau und auch ihr Paradies/ das Haus verliert an Perfektion und fängt sich Wunden ein.
Gottseidank gibt es allerdings Tabletten, die allen Schmerz für kurz vergessen machen. „Für kurz“, da sich die Situation dennoch kontinuierlich zuspitzt. 
Den in Lawrence Augen ungebetenen Gästen begegnet ihr Mann mit einem ungeheuren Interesse, seine Frau dagegen vernachlässigt er immer mehr. So verlässt er sogar immer häufiger das Paradies, welches seine Frau für ihn erschaffen hat und das für sie eine materielle Verbildlichung ihrer ungeteilten Liebe ist. Nicht ohne Grund beginnen bei der Trauerfeier in den folgenden Filmminuten fremde Leute die Wände neu zu streichen.
Die Situation beruhigt sich erst, als der Schriftsteller alle Fremden aus dem Haus schmeißt und die Protagonistin schwanger wird. Da sie deshalb jedoch ihre Medikamente absetzen muss, wird sie umso empfindlicher gegenüber neuen, kleinsten Störungen ihrer einsamen Harmonie.
Der Punkt, an dem eine Gruppe neuer Fans beim Haus des Paares eintrifft, ist ebenso der Moment, in welchem das verdrängte Traumata der Protagonisten, ihren Mann teilen zu müssen und zu verlieren, an die Oberfläche geholt wird. Nun gibt es keine Tabletten mehr, die ihr helfen können und die Frau verliert sich in einer albtraumhaften Vorstellung der Realität. Das Haus/ ihr Leben ist nun voll von Fremden mit denen sie ihren Mann teilen muss. Dieser scheint sich für die Eindringlinge mehr zu interessieren und sorgt sich nicht mehr um seine schwangere Frau. Wild streichen fremde Menschen im Hintergrund die Wände neu und das Herz des Hauses, das Lawrence Liebe, ihr Leben wiederspiegelt, verkümmert komplett.
Als sie nach weiteren erschütternden Ereignissen das Haus anzündet, erscheint dies für sie als der letzte Ausweg. Sie zerstört damit alles, das ihr Leben ausmachte und während sie das Feuerzeug fallen lässt schreit sie: „Du liebtest mich nie, du liebtest nur, dass ich dich verehrte.“ (oder so ähnlich). Es ist quasi der Worst Case eingetreten. Lawrence Verlustangst, die Angst, dass ihrem Mann nichts an ihr liegt, dass er sich alleine nach Anerkennung sehnt und sie nur eine ersetzbare Hülle ist, hat sich bewahrheitet.
Es ist nur passend und konsequent, dass der Schriftsteller die verkohlte Protagonistin zum Schluss fragt, ob sie ihn noch liebe. Da die Frau dies bejaht, hat ihr Mann immer noch alles, was er braucht. Er formt aus ihrem verkümmerten Herzen einen Kristall, der das Sinnbild ihrer Liebe zu ihm ist. Dessen Hülle – Lawrence Körper -, die ihm nie wirklich nützte, scheidet dagegen dahin.
Am Ende des Filmes wacht eine neue Frau im Bett des Schriftstellers auf. Basierend auf der Theorie, dass alles ab der Ankunft der Fans im zweiten Akt des Films nicht in Wirklichkeit sondern im Kopf der Protagonistin passiert, bedeutet diese letzte Szene, dass Lawrence schlicht von der Angst geprägt ist, einfach durch eine neue Hülle ersetzt zu werden, die ihrem Mann Anerkennung und Vergötterung anbietet.
Das alles ist eine subjektive Interpretation. Eine, die die Stärke besitzt, sich nicht mit der üblichen Gott/Welt-Theorie zu wiedersprechen. Nur spiegelt die Gott-These eben nicht die wahre Handlung wieder, sondern ist das Produkt der Psyche einer Protagonistin, die ihren Mann über alles vergöttert und von Ängsten geplagt ist, ihr Paradies an andere zu verlieren.

Insgesamt ein großartiger Film, dessen Interpretation jedem individuell überlassen ist. Dass das Gott/Welt-Konstrukt Mother!s der grundlegendste Gedanke Aronofskys war, glaube ich allerdings nicht und biete mit obriger These eine Alternative an, die von einer Metaebene mehr ausgeht.
So oder so muss dem Regisseur und Drehbuchautor größter Respekt dafür gezollt werden, dass er eine filmische Protagonistin erschaffen hat, die zwar langsam aber sicher in den totalen Wahnsinn abdriftet, mit der der Zuschauer sich aber dennoch in jedem Moment wunderbar identifizieren kann.


Für die Akten: Dieser Film bekommt eine 92/100.
Großartiges Schauspiel, von dem der Film (neben seiner Handlung) lebt, ein Soundtrack der sich extrem gekonnt im Hintergrund hält und ein Gesamtwerk, das zum Mitdenken und nachgrübeln einlädt - so wie kein anderes.




Bild (c) Paramount Pictures