07.12.2013

Carrie - Horror? Nee!

Remakes alter (Horror-) Filme sind ja gerade ganz groß in Mode. Was liegt da also ferner, als den gut gealterten Klassiker „Carrie“, der dazu noch die Verfilmung eines Stephen King-Romans ist, neuaufzulegen. Damit kein Durcheinander aufkommt und falls sich jemand diese Kritik in 40-50 Jahren noch einmal durchlesen sollte: Es geht hier um das Remake von 2013.
Wer den Inhalt nicht kennt, dem empfehle ich wärmstens den Trailer zum Film (weiter unten auf der Seite zu finden), hier wird nämlich so ziemlich alles vorweggenommen. Zugegebenermaßen: In diesem Fall war es marketingtechnisch sinnvoll und nötig, den gesamten Plot im Trailer zusammenzufassen, dennoch bewirkt dieser Kniff die negative Folge, dass das Seherlebnis selbst einer unzufrieden stellenden Vorhersehbarkeit unterworfen wird.
Wer sehfaul und lesebegeistert ist (nein, das wiederspricht sich nicht!), für den sei der Inhalt kurz zusammengefasst: Es geht um ein Mädchen (Carrie), in dem der Teufel schlummert. So besitzt es telekinetische Fähigkeiten. In der Schule wird Carrie gemobbt, was schließlich ihren Mitschülern selbst zum Verhängnis werden soll, als das besessene Mädchen einen Gefühlsausbruch erleidet.
Nett hierbei sind vor allen Dingen einige Anekdoten an klassische High-School Filme. Das Mauerblümchen , das von ihrem Traumprinzen zum Abschlussball eingeladen wird, als Protagonist, die motivlos bösgesinnte Antagonisten, deren einziger Lebenssinn es zu sein scheint, den Alltag der Hauptperson durch gemeine Kniffe zur Hölle werden zu lassen, die dominante, gutmütige Lehrerin, die die einzige Freundin der Protagonistin ist.
Ein klassischeres Grundkonzept mag es für High-School-Komödien gar nicht geben. Dieses Grundgerüst jedoch in einem Horrorfilm
zu nutzen, stellt einen interessanten Ansatz dar.
In der Tat wirkt der Mischmasch aus Drama-, High-School und Horrorelementen recht gekonnt und unterhält.
Weitaus weniger gekonnt ist dabei Darstellung der Carrie zu Beginn. Das Mädchen ist ein Mauerblümchen; das ist ein Fakt und kein Zuschauer darf daran zweifeln können. Diesen oder einen ähnlichen Gedanken müssen die Produzenten im Kopf gehabt haben, als sie Chloë Grace Moretz (als Carrie) anwiesen, extrem gekrümmt und künstlich hinter den eigenen Armen versteckt durch die Schulgänge zu schleichen. Diese Darbietungen wirken zum Teil nicht ernstzunehmend und sogar belustigend. Es sei jedoch hervorgehoben, dass benanntes Problem vor allem zu Beginn des Filmes auftritt, danach werden die Gründe für Carries krankhaftes Verhalten durch so atmosphärisches Schauspiel erläutert, dass der Zuschauer an übertriebenen Reaktionen der Protagonistin auf ihre Umwelt nicht mehr zweifelt.
Schließlich ist es vor allem das verstörende Verhältnis zwischen Carrie und ihrer Mutter, das besonderes Interesse erweckt und verdient. Es ist ein Verhältnis zwischen Hass und Liebe, Angst und Fürsorge. So unverständlich die Aktionen beider Seiten ohne Zusammenhang erscheinen mögen, so nachvollziehbar gestalten sie sich in Bezug auf den Gesamtplot.
Julianne Moore (als Mutter) leistet eine ansprechende Darbietung und erscheint völlig gestört und das auf einer verständlichen Ebene.
Zum Ende hin steigert der Film sich in Ausschreitungen aller Art. Es entpuppt sich als schwer, noch zu unterscheiden, ob das letzte Drittel einen Höhepunkt oder eine Entartung markiert. Während die Darstellung überzeugt, verliert der Zuschauer jeglichen Anhalt durch eine Identifikationsfigur. Es fehlt ein Charakter zum Mitfiebern und schlussendlich erscheint das Schicksal aller Beteiligten als uninteressant. Die Handlung wird so konsequent zu Ende geführt und will in den letzten Minuten noch einige Male schocken, schafft dies tatsächlich jedoch nicht immer im vollen Maße. Die Inszenierung stimmt allerdings.
Was schließlich bleibt, das ist die Frage, ob man das Remake „Carrie“ wirklich einwandfrei als ‚Horror‘ bezeichnen kann. Dafür sprechen viele genretypische Elemente (schwebende Gegenstände, Religion, Blut), die heutzutage die Grundbasis für einen Gruselstreifen darzustellen scheinen. Dagegen jedoch spricht vor allem die große Dramaturgie des (Mittelteils des) Films. Die Verarbeitung des gegebenen Themas fällt in großem Maße faszinierend, aber nicht gruselig, aus. Der Film erschreckt in keinem Moment und will zu oft mehr Drama als Horror sein.
Insgesamt ist ein solides Produkt entstanden, das interessante Grundsätze für die Bearbeitung seines Themas wählt. Der Film erfüllt einige Charakteristiken eines typischen Horrorfilms nicht, was allerdings auch in keinster Weise notwendig ist.

Ein unkonventioneller Streifen. Aber unkonventionell zu sein heißt auch nicht immer, die anderen zu überragen.